„Warum sollte ich überhaupt in Schwellenländer investieren? Die laufen doch seit Jahren schlechter als die Industrieländer.“ - Diese Aussage begegnet mir regelmäßig in Gesprächen über Geldanlage. Und tatsächlich scheint ein Blick auf die vergangenen Jahre diese Sichtweise zunächst zu bestätigen.
Während viele Schwellenländerindizes eher enttäuschten, konnten Anleger*innen mit einem hohen Anteil an US-Aktien von einer außergewöhnlich starken Entwicklung profitieren.
Doch wie so oft lohnt es sich, hinter die offensichtlichen Zahlen zu schauen. Denn manchmal erzählt die Statistik nur einen Teil der Geschichte.
Warum der erste Blick täuschen kann
Zu meinem Berufsalltag gehört es, regelmäßig Fachpublikationen, Marktanalysen und Newsletter rund um Kapitalmarkt und Geldanlage zu lesen. Dabei geht es nicht nur darum, Informationen aufzunehmen, sondern diese kritisch einzuordnen und auf ihre praktische Relevanz für Anleger*innen zu prüfen.
Auf einen besonders spannenden Gedanken bin ich kürzlich in einem Newsletter von extraETF gestoßen: Sind Schwellenländer tatsächlich die strukturellen Verlierer der vergangenen Jahre – oder wird diese Wahrnehmung durch einige wenige Marktgiganten verzerrt?
Betrachtet man die Entwicklung großer Aktienindizes seit der Finanzkrise 2008/2009, scheint das Urteil eindeutig:
➡️ Die entwickelten Märkte – allen voran die USA – haben Schwellenländer deutlich hinter sich gelassen.
➡️ Vor allem die großen US-Technologieunternehmen haben die Wertentwicklung vieler globaler Indizes geprägt.
Dadurch entstand bei vielen Anleger*innen der Eindruck, Schwellenländer seien grundsätzlich die schlechtere Anlageklasse. Doch diese Schlussfolgerung greift möglicherweise zu kurz.
Was passiert, wenn man die größten Einflussfaktoren herausnimmt?
Ein interessanter Gedanke lautet: Wie sähe der Vergleich eigentlich aus, wenn die größten Schwergewichte außen vor blieben?
Auf der Seite der Industrieländer wären das die USA.
Auf der Seite der Schwellenländer China.
Und genau hier wird es spannend. Betrachtet man die übrigen Ländergruppen isoliert, zeigt sich ein deutlich differenzierteres Bild: Die verbleibenden Industrieländer und die verbleibenden Schwellenländer entwickelten sich über lange Zeiträume deutlich ähnlicher, als viele Anleger*innen vermuten würden.
Die vermeintliche Schwäche der Emerging Markets war also nicht ausschließlich ein Problem der gesamten Region. Vielmehr wurde die Wahrnehmung stark durch die außergewöhnliche Entwicklung einzelner Länder beeinflusst.
Was wir daraus für die Geldanlage lernen können
Für mich zeigt dieses Beispiel vor allem eines:
1️⃣ Indizes sind nicht automatisch breit diversifiziert
Viele Anleger*innen verbinden große Indizes mit einer ausgewogenen Verteilung. Tatsächlich können einzelne Länder oder Unternehmen einen erheblichen Einfluss auf die Gesamtentwicklung haben.
2️⃣ Vergangene Gewinner dominieren oft die Wahrnehmung
Wenn ein Markt über viele Jahre besonders erfolgreich war, entsteht schnell der Eindruck, dass dies auch in Zukunft so bleiben muss. Die Börsengeschichte zeigt jedoch regelmäßig, dass Führungsrollen wechseln können.
3️⃣ Konzentrationsrisiken werden häufig unterschätzt
Je stärker ein einzelner Markt gewichtet ist, desto größer wird sein Einfluss auf die zukünftige Entwicklung des Gesamtportfolios.
Die entscheidende Frage für die Zukunft
Die spannendste Erkenntnis ist aus meiner Sicht nicht, ob Schwellenländer künftig besser oder schlechter abschneiden werden. Denn das weiß niemand. Viel interessanter ist eine andere Frage:
🚨 Was passiert mit meinem Vermögen, wenn der aktuell dominierende Markt über viele Jahre hinweg nur noch seitwärts läuft oder hinter den Erwartungen zurückbleibt?
Genau diese Überlegung gehört für mich zu einer verantwortungsvollen Vermögensplanung. Denn erfolgreiche Geldanlage bedeutet nicht, die Gewinner von morgen sicher vorherzusagen. Sie bedeutet, das Portfolio so aufzustellen, dass es nicht von einer einzigen Entwicklung abhängig ist.
Warum Diversifikation mehr ist als ein Schlagwort
Diversifikation wird häufig als selbstverständlich angesehen. In der Praxis bedeutet sie jedoch weit mehr als die bloße Verteilung auf verschiedene Fonds oder ETFs. Eine gute Diversifikation hinterfragt unter anderem:
- ✅ Wie stark bin ich von einzelnen Ländern abhängig?
- ✅ Welche Regionen fehlen möglicherweise im Portfolio?
- ✅ Entstehen ungewollte Klumpenrisiken?
- ✅ Passen die Gewichtungen noch zu meinen Zielen und meinem Risikoprofil?
Gerade nach langen Phasen außergewöhnlicher Marktentwicklungen lohnt sich dieser Blick besonders.
Fazit: Die Zukunft entsteht selten aus der Vergangenheit
Die vergangenen Jahre wurden maßgeblich von wenigen Märkten und Unternehmen geprägt. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Für Anleger*innen kann es deshalb sinnvoll sein, nicht nur auf die Gewinner der Vergangenheit zu schauen, sondern auch auf mögliche Risiken einer starken Konzentration. Denn die wichtigste Frage lautet oft nicht:
"Welche Region wird künftig am besten performen?"
Sondern:
"Wie robust ist mein Portfolio, wenn die bisherigen Gewinner einmal nicht mehr die Gewinner sind?"
👉 Wenn Sie wissen möchten, ob Ihre Geldanlage ausreichend diversifiziert ist oder ob ungewollte Klumpenrisiken entstanden sind, unterstütze ich Sie gern mit einer individuellen Analyse Ihres Vermögensdepots.