Carsten Soßna
„KI wird Finanzberater nicht ersetzen, sondern besser machen“
„KI schafft in aller erster Linie Freiräume – mehr Beratungszeit für unsere Kunden", sagt Carsten Soßna, IT-Vorstand bei MLP.
MLP
Mehr Tempo, weniger Bürokratie: KI revolutioniert die Finanzwelt. Doch für Carsten Soßna, IT-Vorstand bei MLP, ist klar: Der Mensch bleibt im Zentrum. Warum Technologie dabei hilft, Beratung persönlicher zu machen und wie MLP das Thema KI angeht.
Herr Soßna, wie verändert generative KI die Finanzberatung?
Carsten Soßna: Wir beobachten seit Jahren, dass sich digitale Angebote rasant verbreiten. Während Netflix im Jahr 1999 noch dreieinhalb Jahre brauchte, um eine Million Nutzer zu gewinnen, verkürzte sich diese Zeitspanne seither kontinuierlich. Airbnb benötigte 2008 nur noch zweieinhalb Jahre, Spotify erreichte diese Marke im selben Jahr bereits nach fünf Monaten. ChatGPT, das 2022 auf den Markt kam, schaffte es sogar in unter einer Woche. Wir gehen davon aus, dass sich generative KI in der Finanzberatung dort durchsetzen wird, wo ihr Einsatz sinnvoll ist.
Laut aktueller Umfragen [EL1] berichten 70 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland, die bereits KI nutzen, von schnelleren und präziseren Problemanalysen, 63 Prozent sehen beschleunigte Prozesse als größten Vorteil. 59 Prozent betrachten KI als Chance, ihr Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. 87 Prozent der befragten Führungskräfte erwarten, dass generative KI Aufgaben eher ergänzt als ersetzt. Auf der anderen Seite würden nur elf Prozent der Menschen in Deutschland KI einem Menschen in der Beratung vorziehen – umgekehrt bevorzugen also 89 Prozent den persönlichen Kontakt. Finanzberatung basiert auf Empathie und Vertrauen. Das macht den Finanzberater auch künftig unverzichtbar.
Wie sieht die Finanzberatung der Zukunft aus?
Carsten Soßna: KI-Assistenten werden in der Finanzberatung eine zentrale Rolle spielen – so wie auch in vielen anderen Lebensbereichen. Sie unterstützen Menschen bei der Informationssuche, begleiten sie bei Entscheidungsprozessen und können weitere vielfältige Aufgaben übernehmen. Außerdem erhöht KI das Tempo und steigert die Flexibilität: Chatbots beantworten viele einfache Fragen bereits heute sofort und das rund um die Uhr.
Wir erwarten ein intelligentes Zusammenspiel zwischen Kunden, KI und Berater. Daher werden auch interaktive Plattformen an Bedeutung gewinnen. Und klar ist auch: Dank KI lassen sich Angebote stärker individualisieren. KI-Assistenten werden unser Leben verändern – privat wie beruflich. Ich schätze, dass Berater derzeit mehr als die Hälfte ihrer Zeit mit administrativen Aufgaben verbringen. Diese Zeit lässt sich durch den gezielten Einsatz von Digitalisierung und KI erheblich reduzieren und stattdessen sinnvoll in ihre eigentliche Kernaufgabe, die Beratung, investieren.
Was bedeutet das für die Rolle des Finanzberaters in Zukunft?
Carsten Soßna: Der Finanzberater muss sich selbst immer stärker mit moderner Technologie vernetzen. Dabei ist wichtig: Auch wenn sich viele Standardprozesse mittlerweile mithilfe von KI automatisieren lassen, ersetzt KI den Menschen nicht – sie verbessert seine Leistungsfähigkeit.
Der persönliche Kontakt bleibt dabei auch in der Zukunft zentral. Denn Umfragen zeigen: Zwei Drittel der Bundesbürger wünschen sich persönliche Beratung – insbesondere bei komplexen Themen wie Lebensversicherungen oder Altersvorsorge. Das „Intelligente Und“ zwischen schneller technischer Unterstützung durch digitale Self-Services und dem vertrauten persönlichen Gespräch wird also entscheidend sein. Wir gehen davon aus, dass sich auch in der Weiterbildung KI-gestützte Agenten etablieren werden, die individuell zugeschnittene Module und damit passgenaue Qualifizierungen ermöglichen.
Welche Rolle spielt KI bei MLP?
Carsten Soßna: Bei MLP setzen wir KI gezielt ein, um interne Prozesse zu automatisieren und unsere Mitarbeitenden sowie unsere Beraterinnen und Berater zu entlasten. Wir verfolgen bei unseren KI-Projekten einen ambitionierten, aber zugleich sehr verantwortungsvollen Ansatz. Ein Korrespondenz-Assistent unterstützt die Kolleginnen und Kollegen bereits bei der Mailkommunikation. Zudem steht ihnen ein browserbasierter KI-Assistent im Arbeitsalltag zur Verfügung. Im MLP-Konzern setzt unsere Tochter Domcura KI bereits bei der Schadenregulierung ein und kann Fälle dadurch innerhalb weniger Minuten bearbeiten.
Auch wenn wir bereits große Fortschritte gemacht haben – wir dürfen uns nicht ausruhen. KI ist ein Megatrend, der nicht aufzuhalten ist.
Was bedeutet das für Ihre Kunden?
Carsten Soßna: Unsere Kunden profitieren einerseits von den beschleunigten internen Abläufen, durch die sich Bearbeitungszeiten erheblich verkürzen und Freiräume für mehr persönliche Beratung geschaffen werden. Andererseits steht ihnen zukünftig ein KI-Service-Agent zur Verfügung, der rund um die Uhr als Ansprechpartner für einfache Anliegen erreichbar ist. Trotz aller technologischen Unterstützung gilt für uns: Der persönliche Kontakt bleibt auch in einer digitalen Welt unersetzlich – insbesondere bei größeren und komplexeren finanziellen Entscheidungen.
Welche Vorteile bringt KI für ein Unternehmen wie MLP?
Carsten Soßna: KI schafft in aller erster Linie Freiräume – mehr Beratungszeit für unsere Kunden. Prozesse werden effizienter, ohne dass Qualität oder Individualität verloren gehen. Gerade wegen der großen Dynamik der Entwicklungen rund um KI verfolgen wir bei MLP einen verantwortungsvollen und ausgewogenen Kurs. Wir nutzen KI, um noch besser zu beraten – der Berater bleibt dabei Dreh- und Angelpunkt.