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Feb 24

24. February 2023 von Dr. Herbert Walter | Nachhaltigkeit

ESG-Investments in turbulentem Umfeld

VON DR. HERBERT WALTER

Der Beginn des Ukrainekriegs vor genau einem Jahr markiert auch den Start in eine turbulente Zeit für nachhaltige Geldanlagen. Die Mehrheit der jüngeren Deutschen hält den Aspekt der Nachhaltigkeit dabei auch relevant für ihre eigenen Anlageentscheidungen.

Das Thema Nachhaltige Anlagen bzw. ESG-Investments ist in den letzten zwölf Monaten immer mehr ins Fadenkreuz einer kritischen Öffentlichkeit geraten. Viele nachhaltige Investmentfonds leiden unter den geopolitischen Verwerfungen und der Energiekrise. Lange Zeit hatten die Vermögensverwalter vom dynamischen Wachstum nachhaltiger Anlagen profitiert. Der Fokus auf Wachstumstitel – etwa aus dem emissionsarmen Tech-Sektor – versprach ein stetiges profitables Wachstum. Tatsächlich mussten Tech-Aktien seit Beginn des Ukrainekriegs kräftige Rückschläge hinnehmen – traditionelle Ölaktien mit ihren fossilen Emissionen waren dagegen die Gewinner des letzten Jahres.

Wie haben ESG-Fonds auf die neue Situation reagiert? Die Bürgerbewegung Finanzwende hat das Anlageverhalten ausgewählter Nachhaltigkeits-Fonds untersucht und vor wenigen Tagen dieses Ergebnis vorgelegt: „Die untersuchten Fonds investierten 940 Millionen US-Dollar zusätzlich in Aktien von Firmen im Bereich der fossilen Energien. Lediglich 138 Millionen US-Dollar gingen an Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf erneuerbaren Energien basiert. Dadurch sind die Portfolios insgesamt um 7,9 Prozent CO2-intensiver geworden.“

Debatte um Grünfärberei neu entfacht

Sicherlich mag es sachliche Gründe geben, die vorgebracht werden können, um das Anlageverhalten der Vermögensverwalter zu rechtfertigen. Aber die Zahlen sind natürlich Wasser auf die Mühlen jener, die die Fondsbranche verdächtigen, bei der Vermarktung ihrer Anlageprodukte Grünfärberei („Greenwashing“) zu betreiben. Für die Reputation der Investmentbranche ist das eine Entwicklung, auf die Brancheninsider nicht erst seit gestern hinweisen.

So hat Bert Flossbach, Mitgründer der renommierten Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, bereits vor drei Jahren auf dem Fondskongress in recht drastischen Worten davon gewarnt, bei ESG-Anlagen ein zu großes Marketing-Rad drehen zu wollen: Wenn Anbieter auf jedes Fondsprodukt „ein ESG-Siegel draufhauen“, könnte sich die Branche „ihren eigenen Dieselskandal einhandeln.“

In einem kürzlich mit dem Handelsblatt geführten Interview hat Flossbach nachhaltiges Anlegen als „für alle langfristig denkenden Investoren extrem wichtig“ bezeichnet. Kritisch sieht er aber nach wie vor die Fülle an Regulierung zu dem Thema: „Das Problem sind die Regeln, mit denen der Regulator etwas durchboxen möchte, das er selbst nicht definieren kann.“ Als Beispiel nennt er das Lieferkettengesetz – es schreibe Unternehmen vor, „den Lieferanten des Lieferanten ihres Lieferanten zu durchleuchten. Das ist nicht nur unmöglich, sondern mit einem aberwitzigen Verwaltungsaufwand verbunden.“

„Dunkelgrüne“ und „hellgrüne“ Fondsprodukte im Fokus

Tatsächlich hat die Regulierung bisher keine allgemeingültig akzeptierte Definition vorgelegt, was Nachhaltigkeit eigentlich ist. Dass das ein Problem ist, wurde im letzten Jahr bei den EU-Einstufungen von Atomkraft und Erdgas deutlich. Angesichts der sehr unterschiedlichen Auslegung des Nachhaltigkeitsbegriffs wurde mittlerweile auch von Seiten der Finanzaufsicht in Europa eine detaillierte Definition dessen angemahnt, was unter „nachhaltigen Finanzen“ zu verstehen ist.

Für viel Verwirrung hat auch die sogenannte SFDR-Regulierung gesorgt – sie war ursprünglich als Mechanismus zur Transparenz bzw. Offenlegung von bestimmten Informationen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit gedacht („Sustainable Finance Disclosure Regulation“). Danach können Fondsmanager ihre ESG-Anlageprodukte einer von zwei Gruppen zuordnen: Die erste (genannt „Artikel 9 Fonds“ oder „dunkelgrün“) priorisiert ESG-Wirkungen, die zweite (genannt „Artikel 8 Fonds“ oder „hellgrün“) nennt Nachhaltigkeit lediglich als eines unter mehreren Zielen.

Die Praxis hat die Vorschriften zur Offenlegung von Informationen für den Verbraucher zur Klassifizierung von nachhaltigen Anlageprodukten genutzt. Auch hier warnen Marktteilnehmer davor, dass sich die Fondsbranche damit dem Risiko des Greenwashing aussetze. Der französische Finanzregulierer AMF hat vor einigen Tagen vorgeschlagen, in einem ersten Schritt eine Reihe von Mindeststandards einzuführen. Später sollen dann konkretere Anforderungen für die Klassifizierung von nachhaltigen Fonds in Produkte nach Artikel 9 bzw. Artikel 8 SFDR erfolgen.

Die Unklarheiten über die richtige Einordnung von ESG-Produkten nahmen Vermögensverwalter im Herbst 2022 zum Anlass, insbesondere bei Artikel 9 Fonds eine recht umfangreiche „Reklassifizierung“ durchzuführen. Betroffen waren davon insbesondere passive Aktienfonds mit Fokus auf das Pariser Klimaabkommen und auf Klima-Benchmarks. Die Gruppe der Passivfonds bzw. ETFs nach Artikel 9 SFDR ist in diesem Zusammenhang um 40 Prozent (oder 175 Billionen Euro) gesunken. Ziel der Fondsanbieter war es, mit dieser Maßnahme Reputations- und Rechtsrisiken zu vermeiden. Die Branche hätte sich sonst der Gefahr ausgesetzt, Anteile an Firmen zu halten, die möglicherweise nicht als „inhärent nachhaltig“ bezeichnet werden können.

Für die Mehrheit der Jüngeren ist Nachhaltigkeit relevant

Wie wirken sich die anhaltenden Diskussionen über Nachhaltigkeit auf die Kunden aus? Zu Beginn dieser Woche hat das Deutsche Institut für Vermögensbildung und Altersvorsorge (DIVA) eine Umfrage veröffentlicht, die sich auch mit dem nachhaltigen Anlegen beschäftigt. Interessant ist, dass die andauernden Nachrichten zu EU-Taxonomie, grünen Fonds oder Greenwashing von einem Großteil der Deutschen kaum mit ihrem eigenen Verhalten in Finanz- oder Anlagedingen in Verbindung gebracht wird. Der Hintergrund: Nachhaltigkeit hat nur für vier von zehn Bürgern eine gewisse Relevanz bei ihren persönlichen Entscheidungen über Geldanlagen. Eine ähnlich große Gruppe glaubt, das Thema sei lediglich eine Modeerscheinung.

Bemerkenswert ist allerdings, dass das Nachhaltigkeitsthema offenbar stark polarisiert. Junge Leute reagieren auf den Aspekt der Nachhaltigkeit viel positiver als ältere Menschen. So sagen sechs von zehn jüngeren Deutschen, dass sie Nachhaltigkeit bei ihren eigenen Geldentscheidungen berücksichtigen – bei Älteren ist das nur die Hälfte. Im „magischen Viereck der Geldanlage“ fällt auf, dass Jüngere und Ältere bei Sicherheit und Liquidität ähnliche Präferenzen haben. Bei der Rentabilität und Nachhaltigkeit gibt es jedoch deutliche Unterschiede: Ältere bevorzugen Rentabilität mit 32 Prozent, Jüngere dagegen nur mit 24 Prozent. Nachhaltigkeit präferieren die Jüngeren mit 16 Prozent und damit deutlich höher als Ältere (11 Prozent).

Gut vorbereitet ins Gespräch mit dem Finanzberater

Jede Finanzberaterin und jeder Finanzberater wird diese Zahlen ganz individuell interpretieren. Wer seinen Kundenstamm auf nachhaltige Einstellungen durchsieht, sollte nicht völlig schief liegen, wenn sich „durchschnittlich“ mindestens zwei bis drei von zehn Kunden für Nachhaltigkeit interessieren. Sind die Kunden eher jünger, könnte das Interesse für nachhaltiges Anlegen deutlich höher liegen. Das liegt auch daran, dass die Aktienkultur in den letzten Jahren hierzulande deutliche Fortschritte gemacht hat. Wenn wir heute in Deutschland einen Höchststand bei der Zahl der Aktionäre erreicht haben, liegt das auch an den vielen jungen Menschen, die sich für die private Altersvorsorge interessieren.

Dabei fällt auf, dass 25-, 28- oder 30-Jährige heute oft mit ETF-Aktien-Sparplänen erste Erfahrungen auf dem Gebiet der Geldanlage sammeln wollen. Ihnen ist meist klar, dass Sie in puncto Nachhaltigkeit für sich selbst herausfinden müssen, was für sie persönlich dabei wichtig und ethisch vertretbar ist. Experten empfehlen Anlegern, sich vorab zu informieren, etwa bei einem Finanz- oder Anlageberater. Einige Fragen sollte der Anleger schon vor dem Gespräch mit dem Berater klären. Dazu gehört z.B.: Wie will ich Nachhaltigkeit in meinem Depot umsetzen? Was will ich mit meinen nachhaltigen Anlagen insbesondere bewirken? Wie wichtig sind mir diese nicht-finanziellen Ziele im Vergleich zu meinen finanziellen Zielen wie etwa der Rendite?

 

DR. HERBERT WALTER 

Foto Dr. Herbert Walter

Dr. Herbert Walter arbeitet seit rund 40 Jahren in der Finanzbranche. Seine Laufbahn begann er 1983 in der Deutschen Bank. Dort war er zuletzt Mitglied des obersten Konzernführungsgremiums und weltweit verantwortlich für den Unternehmensbereich Private & Business Clients. 2003 wurde er Holdingvorstand der Allianz SE und Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank AG. Seit 2009 ist er selbständig tätig und Inhaber von Dr. Herbert Walter & Company, einer unabhängigen Beratungsfirma mit Fokus auf Finanzdienstleister.