Wie emotionales Handeln vermeintlich einfache Anlageentscheidungen doch kompliziert macht:
Ich hatte heute Mittag einen Onlinetermin mit einem Kunden. Eigentlich ging es um eine Rentenversicherung von 2002, bei der unklar war, wie rentabel sie ist und ob sie zu seinen Anlagezielen passt. Wir besprachen alle Optionen und Vor- und Nachteile. Am Ende des Gesprächs fragte er mich: „Was ist eigentlich deine aktuelle Meinung zum Gesamtmarkt? Bei mir wurde gestern überraschend der Stop-Loss ausgelöst und meine Positionen wurden verkauft.“
Ich fragte nach. Er bespart sein selbstverwaltetes, langfristiges Depot mit zwei MSCI World- und einem KI-ETF. Die Kurse beim KI-ETF waren die letzten Tage so weit gefallen, dass seine Anteile automatisch an einer bestimmten Preisgrenze verkauft wurden. Diesen Stop-Loss hatte er selbst eingerichtet.
Der Haken war, dass der Verkauf nahezu am gestrigen Tagestief erfolgte und der Kurs inzwischen wieder höher stand. Bei ihm ging nun die Angst um, dass er alle seine Anteile mit einem Verlust verkauft hatte und jetzt der Kurs ihm wegläuft. Seine Preisgrenze hatte er zufällig dort gesetzt, weil er gelesen hatte, dass die besten Stop-Losses zwischen 7-8% unter dem Einstiegskurs gesetzt werden.
Wir erörterten die Situation gemeinsam.
Das Ergebnis war, er wollte eigentlich nie seine Anteile bei fallenden Kurse verkaufen. Im Gegenteil, er wollte gerne bei niedrigeren Kursen nachkaufen. Er hatte nur Angst, sein Geld zu verlieren und deshalb den Stop-Loss eingerichtet. Kurzum, er investierte Geld, was er nicht verlieren wollte. Dies hat ihn in eine total emotionale Situation gebracht. Als die Kurse seine emotionale Schmerzgrenze erreichten, wurde der Verkauf ausgeführt. Jetzt saß er da, mit dem übrigem Geld. Er hatte das Gefühl, dass er jetzt, in diesem emotionalen Moment, entscheiden muss, wie es weitergeht.
Die Lösung:
Erstmal emotional alles verarbeiten und runterkommen. Auch Nichtstun ist eine bewusste Handelsentscheidung.
Dann bekam er Hausaufgaben:
Was ist deiner Meinung nach schiefgelaufen und wie hast du dich dabei gefühlt? Mach dir nochmal bewusst, was du mit diesem Depot erreichen willst und welchen Zeithorizont du hast. Wie viel Schwankung und Verluste hältst du im Ernstfall aus und wo ist die absolute Schmerzgrenze? Was ist der Plan, wenn die Kurse überraschend stark fallen oder steigen? Und noch einiges mehr…
Solche Geschichten ereignen sich meiner Meinung nach tagtäglich weltweit. Kleinanleger legen Gelder an, deren Verluste sie nicht aushalten. Sie verwenden Handelswerkzeuge, die sie nicht richtig beherrschen. Häufig fehlt eine Auseinandersetzung mit den Anlagezielen, den Assets an sich und „was mache ich, wenn….?“.
Fortsetzung folgt.
PS: Der Kunde hat der anonymisierten Veröffentlichung zugestimmt.